Einmal in vielleicht 20 Jahren werde die einzige Straßenverbindung von Alnif nach Rissani in Südmarokko nach schweren Regenfällen überschwemmt, andere meinen, einmal in zwei Jahren. Wie auch immer, die Reise fortzusetzen hat keinen Sinn und wir richten uns darauf ein, den Rest des Tages und die Nacht in diesem verlassenen Dorf mitten in der Wüste zu verbringen.
Da fällt uns wieder der Polizist ein, den wir vor zwei Stunden und vielleicht 120 km nach dem Weg nach Rissani gefragt hatten und der nicht daran dachte, uns vor den Überflutungen zu warnen, sondern uns geradewegs in die Sackgasse schickte. Die Nachricht, daß die Straße kurz vor Rissani nun schon den zweiten Tag blockiert war, hatte ihn ganz offensichtlich noch nicht erreicht.
So sitzen wir nun also in Alnif bei Pfefferminztee und können von Glück sprechen, daß wir zufällig in diesem Dorf angehalten haben und von den Leuten im Café vor einer Weiterfahrt gewarnt wurden. Ansonsten wären wir sicherlich ohne weiteren Hinweis durch Schilder oder Polizisten bis an die überflutete Brücke weitergefahren und hätten die 70 km bis zum letzten Dorf wieder zurückkehren müssen, um ein Hotel und ein Abendessen zu bekommen – eben zurück nach Alnif.
Es gibt hier zwei kleine, einfache Hotels, beide einander gegenüber in der einzigen Straße, welche durch den Ort führt. Wir landen im Hotel „La Gazelle du Sud“, wo uns eine Handvoll junger Burschen freudig aufnimmt und uns die Vorzüge ihrer Absteige schmackhaft macht: „Il y a la douche chaude, vous etes bienvenue“. Kein Wunder, wir sind ja auch mit dem Motorrad unterwegs und das macht hier mächtig Eindruck.
Durch die Blockade der Straße hat sich allerdings das Hotel schon gefüllt und es gibt kein freies Zimmer mehr und so landen wir schließlich auf dem breiten Balkon vor dem Speisezimmer, wo uns alsbald eine wunderbare Schlafstätte bereitet wird. Der Regen hat aufgehört, und nach all dem Trubel mit Hotel, Motorrad und Planung der Weiterreise kommen wir zur Ruhe.
Durch die Bögen des Balkons schweifen unsere Blicke ins gegenüberliegende Hotel, wo mittlerweile sicher auch schon das letzte Zimmer vergeben wurde, weiter auf die Straße, wo reges Treiben herrscht. Man scheint zu spüren, daß etwas besonderes in der Luft liegt, wodurch dieses Kaff für einige wenige Stunden zum wichtigsten Ort weit und breit wird.
Wieder kommt ein Geländewagen zurück aus Richtung Rissani und die Insassen und Einheimischen diskutieren in einem Stimmengewirr aus Französisch, Arabisch und dem örtlichen Berberdialekt. Erschöpfte Touristen, ruhig bleibende Fremdenführer, informiert wirkende Chauffeure, aufgebrachte und ein gutes Geschäft witternde Einheimische sowie diskutierende Taxilenker prägen das Bild auf der Straße, während uns von Hamid der Tee serviert wird.
Mittlerweile hat sich eine Gruppe italienischer Touristen im Hotel angesagt. Während diese sich ganz offensichtlich noch auf dem Weg zurück von der überfluteten Brücke nach Alnif befinden, werden im Salon an die vierzig Schlafstätten vorbereitet, indem Matratzen aus allen Winkeln des Hotels zusammengetragen werden. Hamid bestätigt uns, daß etwa fünfzig bis sechzig Italiener die Nacht hier verbringen werden, um darauf zu hoffen, daß die Straße morgen wieder passiert werden könne. Wir sind glücklich über unsere eigene bescheidene Schlafstätte und freuen uns auf ein Abendessen.
Der Betrieb auf der Straße ist hektisch geworden, die Reisegruppe ist angekommen, überall wird nach Matratzen und Bettwäsche gesucht, die Gänge werden noch gereinigt und Defekte schnell repariert („No che luche“). Umso mehr erstaunt es uns, als wir plötzlich von Hamid das Abendessen serviert bekommen, genau entsprechend unserer Wünsche, welche wir bei unserer Ankunft im Hotel deponiert hatten. Der vorerst überlegen und cool wirkende Hamid, Student in Meknes, entpuppt sich immer mehr als verläßliche Vetrauensperson in diesem unübersichtlichen Gewirr und es entwickelt sich eine angenehme freundschaftliche Beziehung zwischen uns und ihm. In den wenigen kleinen Ruhepausen, die er sich bei all den zu bedienenden Gästen gönnen kann, gesellt er sich zu uns auf den Balkon und erzählt uns immer wieder einen kleinen Teil seines Lebens. Um sein Jura Studium zu finanzieren, wäscht er in Meknes Autobusse und arbeitet hier in seinem Heimatdorf in diesem Hotel, obwohl er sich ja gerade jetzt auf die mündlichen Abschlußprüfungen vorbereiten sollte. Sein Vater kann ihn nicht unterstützen, dafür muß er schon selbst sorgen. „La vie est dure“ und er setzt seine Arbeit fort.
Als wunderbaren Abschluß des diners offeriert uns Hamid noch Melonen und Tee. Seine Kollegen setzen sich zu uns: Suleiman („Je suis le gardier“), ein schwarzer, freundlich wirkender Bursche und der Sohn der Hauses, vor dem die anderen trotz seines zarten Alters Respekt zu haben scheinen. Noch einmal wird über Straßenzustand und Wetter diskutiert, doch mehr und mehr entspannen wir uns alle und kümmern uns nicht mehr um das aktuelle Geschehen. Wie auch ? Alle bisher gestellten Anfragen nach Wetterprognosen und eventueller Öffnung der Straße werden beantwortet mit „Inshallah“ – so Allah es will – und wir begreifen hautnah, daß dieser Ausdruck viel mehr als eine Formulierung ist: es ist wohl etwas wie eine Basis ihrer Religion und Lebensphilosophie.
Die Ruhe des späten Abends scheint plötzlich gestört durch lauter werdende Motorengeräusche. Schwere LKW´s dringen von Osten in das Dorf ein und wir lassen uns gerne darüber aufklären, daß dies die Vorboten einer guten Nachricht sind: Sie sind die ersten, welche die überschwemmte Brücke bei Rissani passieren konnten und die Zeichen stehen gut, daß auch wir morgen unsere Reise in Richtung Rissani und Fes fortsetzen werden können.
Eigentlich sind wir froh, als dann noch im ganzen Ort der Strom ausfällt und wir uns bei Kerzenlicht in unser Schlafgemach zurückziehen. Schnell wird es um uns herum sehr ruhig, über dem Dorf liegt die dunkle Nacht. Die Rufe des Muezzin nehmen wir nur im Schlaf wahr, doch es erscheint uns, als würde er öfter als normal zum Gebet aufrufen.
Der folgende Tag beginnt früh, rund herum herrscht schon Aufbruchstimmung und wir müssen uns nicht lange erkundigen, um zu erkennen, daß das Hochwasser gesunken und der Weg frei ist. Frei für weitere Erlebnisse in der marokkanischen Sahara, frei für weitere Geschichten aus tausendundeiner Nacht.
Hamid löst sein Versprechen vom Vorabend ein und holt uns ab zum Frühstück im Hause seiner Familie. Als wir über die großen Plätze wandern, scheint auch die Schule zu beginnen und wir teilen den Weg mit vielen, schon viel munterer als wir wirkenden Kindern. Ungewöhnlich schnell verläuft die Zeremonie des Tees im einfachen Salon des Hauses, denn auf Hamid wartet viel Arbeit im Hotel. So packen wir uns auch schnell zusammen und verabschieden uns von unseren neuen Freunden: „A la prochaine fois. Inshallah !“ Wir glauben daran, daß wir zurückkommen und, wie uns Hamid vorgeschlagen hat, mit ihm zusammen in das Heimatdorf seiner Familie reisen werden, um die dort liegenden Berge und Wasserfälle zu erkunden.
Als wir auf dem Motorrad das Dorf verlassen und sich vor uns die unendlich scheinende Wüstenebene auftut, verspüren wir wieder das starke Gefühl der Freiheit und der Lust, uns auf weitere Abenteuer in diesem Land und mit seinen Menschen einzulassen. In Alnif kehrt indes wieder der Alltag ein, die Geländefahrzeuge mit ihren Touristen und auch die italienische Gruppe sind längst vor uns aufgebrochen und die Einheimischen sind wieder unter sich.
Eine Stunde später erreichen wir die vieldiskutierte Stelle, wo die Brücke noch immer leicht unter Wasser steht. Kinder kommen auf uns zugelaufen und finden es – genau wie wir – ungeheuer spannend, als wir die wenigen Meter durch das Wasser rauschen. Wir haben es hinter uns gebracht, das Wasser in der Wüste, welches den Nomaden so viel Freude und uns eine aufregende Nacht bereitet hat. Aus der bedrohlichen Stelle der überschwemmten Furt wurde ein Kinderspielplatz und die Augen der Kinder glänzen aus Freude über das Wasser.
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